Willkommen in der neuen Ordnung!

Ich mag es aufgeräumt und sauber. Was das betrifft, musste ich mich schon auf Cristobal einstellen, als wir zusammengezogen sind. Er ist kein Riesenchaot, aber die Messlatte, ab wann es etwas zu tun gilt, ist bei ihm höher angesiedelt als bei mir.

Als das Männlein geboren wurde, konnte ich mich noch eine Weile mit Aufräumen und Putzen austoben. Dazu habe ich ihn einfach ins Tragetuch genommen und ab ging es… Seit das Männlein allerdings nun mobil geworden ist, läuft alles nicht mehr ganz so einfach.

Männlein fing etwa mit sechs Monaten an zu krabbeln. Zeitgleich zog er sich schon an Möbeln hoch. Es galt also, alles was irgendwie zerbrechlich oder gefährlich gewesen wäre, außerhalb seiner Reichweite unterzubringen. Natürlich gab es Bücher, DVDs und Wäscheschränke, die nicht extra gesichert waren und die alle vom Männlein mit großer Leidenschaft immer wieder ausgeräumt wurden. Ich beschäftigte mich damit, alles zu verschließen, verwarf den Gedanken aber schnell wieder, denn ich wollte Männleins Neugier und Entdeckerdrang nicht im Wege stehen. Nichtsdestotrotz war ich oft genervt vom ständigen Hinterhergeräume. In der Küche stellten wir wegen des kalten Bodens einen sogenannten Spielstall auf. Da setzte ich Männlein hinein, wenn ich kochen wollte und konnte mir sicher ein, dass er zumindest dann nichts weiter ausräumen konnte. Das Ding hatte jedoch schnell ausgedient. Zum Einen mochte Männlein es nie da drin zu hocken, zum Anderen hatte er schnell heraus, wie er sich an den Wänden hochziehen konnte und drohte so hinauszufallen. Also mussten wir die Küche sichern. An den Schränken mit Tellern und Putzmitteln brachten wir Sicherungen an. Alles andere blieb offen und die zerbrechlichen und gefährlichen Gegenstände wurden noch höher untergebracht, denn das Männlein war gewachsen. Seine Reichweite hat sich vergrößert.

Nun werden beim Kochen nach Herzenslust Fächer und Schubladen ausgeräumt. Ab und an gibt es eine böse Überaschung, weil jemand im Gedanken etwas an seinen alten Platz gestellt hat. So hat es einmal laut geklirrt, weil ein leeres Marmeladenglas sich in den unteren Bereich eingeschlichen hatte.

Gefühlt sind wir den ganzen Tag nur noch damit zugange, Sachen wieder einzuräumen. Lustigerweise räumt Männlein parallel zu unseren Einräumversuchen an anderer Stelle wieder etwas aus. Da kann es schon manchmal frustrierend sein, wenn man gerade damit fertig ist die Handtücher wieder einzuräumen, sich umdreht und sieht, dass der Inhalt der Windelschublade im kompletten Bad verteilt liegt. Ach ja… aber so bleiben wir beschäftigt.

Derweil flitzt das Männlein auf zwei Beinen durch die Gegend. Seine Reichweite umfasst die komplette Wohnung und inzwischen auch Gegenstände die auf dem Tisch, nahe der Kante stehen. Heute morgen habe ich nicht daran gedacht, die Butter in Tischmitte zu rücken. Während ich das Frühstücksgeschirr versorgte, hat sich Männlein das Brettchen mit der Butter geschnappt und ist damit spazieren gegangen. Bis ich das mitbekommen habe, waren seine Hände, sein Gesicht und diverse Möbelstücke eingefettet. Ein unachtsamer Moment, 30 Minuten putzen und eine lustige Geschichte, die ich nun erzählen kann.

Meine Grenzen was Ordnung und Sauberkeit betrifft sind aufgeweicht. Ich genieße es bei Freunden oder bei der Arbeit, wenn alles seinen Platz hat, man nicht ständig über Dinge am Boden stolpert und Schränke geschlossen bleiben. Zu Hause betreibe ich jedoch nur noch Schadensbegrenzung. Es gibt im Moment eh wichtigeres, als eine perfekte Wohnung und ich bin mir sicher, auch diese Phase findet irgendann ein Ende.

Willkommen in der neuen Ordnung, um nicht zu sagen: Willkommen im Chaos.

Kind und Hund

Ich habe einen Hund. Den habe ich schon seit fast sechs Jahren. Als ich ihn mir angeschafft habe, da gab es eigentlich nur ihn und mich in der Familie. Cristobal war zwar auch schon irgendwie auf der Bildfläche, aber noch nicht so richtig.

Der Hund begleitete (das tut er eigentlich auch immer noch) mich überall hin: zur Arbeit, in der Urlaub, zu Freunden… dann wurde ich schwanger. Und ich machte mir Sorgen, denn der Hund mochte keine Kinder. Er versuchte immer, wenn ein Kind dabei war, sich zu verstecken und wirkte sehr gestresst. Oh je, was wenn er bei meinem Kind auch so reagierte? Dann sah ich eine Folge vom Hundeprofi, in der eine Frau mit einjährigen Zwillingen ihren Hund abgeben musste. In meinem hormonigen Zustand heulte ich Rotz und Wasser.

Ca zwei Monate vor dem Entbindungstermin zogen wir um und ich nutzte diese völlig neue Situation, um einige Regeln für den Hund umzustecken. Der Hund durfte nun nicht mehr ins Bett. So würde er das Bettverbot nicht mit dem Baby in Verbindung bringen und eifersüchtig werden. Ich besorgte eine Krabbeldecke und der Hund durfte dort einfach nicht drauf. Egal was, auch wenn da ein tolles Spielzeug lag. So konnte ich sicher sein, wenn das Kind auf der Decke wäre, würde der Hund da nicht ran gehen (in der Realität lag das Kind da eigentlich nie, weil es immer getragen werden wollte).

Zur selben Zeit änderte sich der Hund plötzlich in seinem Verhalten. Zunächst einmal ließ er andere Hunde nicht mehr an mich heran. Darüber war ich sehr dankbar, denn unsere Nachbarn haben einen großen Hund, der mich sonst immer anspringt und ich hatte furchtbare Angst, dass ich in solch einer Situation bei Glatteis mit meiner dicken Kugel böse stürzen könnte. Die zweite Änderung war, dass der Hund so etwas wie Geduld mit kleinen Kindern entwickelte. Er war jetzt nicht von heute auf morgen ein Kinderfreund aber er hielt ruhig, wenn ein Kind ihn streicheln wollte und wirkte dabei auch nicht mehr so gestresst. Puh das beruhigte mich doch enorm.

Am Tag der Geburt rief ich meine Eltern an, damit sie den Hund abholten. Er sollte die erste Zeit bei ihnen bleiben, da wir ja gar nicht wussten, wie es mit dem Baby so sein würde. Doch eigentlich vermissten wir ihn dann schon ziemlich bald und als ich nach fünf Tagen meine Geburtsverletzungen nicht mehr so spürte und auch den Milcheinschuss gut überstanden hatte, brachten sie uns den Hund zurück. Das war eine unglaubliche Situation und ich bereue es so sehr, dass wir davon kein Video gemacht haben.

Der Hund freute sich natürlich zunächst sehr wieder da zu sein. Cristobal und meine Eltern brachten ihn ins Wohnzimmer. Da war ich und hatte das Baby auf dem Arm. Der Hund schnüffelte vorsichtig daran und rannte dann ganz aufgeregt im Kreis vor Freude. Immer wieder kam er an zum Schnüffeln. Nun wollte ich natürlich auch einmal den Hund richtig begrüßen und übergab das Baby an Cristobal. Doch das gefiel dem Hund nicht. Er stellte sich vor Cristobal auf und bellte und knurrte und beruhigte sich erst wieder, als ich das Baby wieder nahm. Wir mussten erst einmal klären, dass auch Cristobal das Baby halten darf. Das Thema hatte sich aber schon nach zwei Tagen erledigt.

Inzwischen ist das“Baby“ 15 Monate alt und kann laufen. Ich bin einen guten Teil des Tages damit beschäftigt, den Hund zu schützen. Denn das Kind will ihn einfach dauernd schmusen und streicheln bzw. am Fell rumrupfen. Darauf hat der Hund natürlich kein Bock und ich sehe es als meine Verantwortung, dafür zu sorgen, dass er sich nicht wehren muss. So bleiben Kind und Hund niemals! unbeobachtet gemeinsam in einem Raum. Wenn wir aber draußen sind, ist die Lage ganz anders. Das Kind spielt mit dem Hund Stöckchen und Ball, läuft hinter ihm her und darf beim Spazierengehen auch die Leine halten.

Ich bin sehr froh, dass mein Hund so gut mit dem Kind klar kommt und hoffe sehr, dass er auch mit ein bis zwei weiteren Kindern leben kann. Denn auf meinen pelzigen Begleiter in allen Lebenslagen kann und will ich nicht verzichten.

Ja! Ich stille noch…

Zugegeben: Unsere Stillbeziehung fing nicht gerade entspannt an. Nachdem die geplante Geburtshausgeburt doch im Krankenhaus endete, zeigte mir eine Krankenschwester zwischen Tür und Angel, wie ich anlegen sollte. Mir war unwohl, ich konnte wegen der Geburtsverletzungen keine bequeme Position finden. Es klappte nicht.

Fünf Stunden nach der Geburt fuhren wir nach Hause. Dort wollte ich es mir im Bett gemütlich machen und es in Ruhe probieren. Ich legte an und… das Männlein trank nicht.

Oh Mann, wie blöd das war. ich war so erschöpft von der Geburt, hatte seit zwei Nächten nicht geschlafen und nun wurde ich damit konfrontriert,  dass mein Kind verhungert.

Am Nachmittag kam meine Hebamme. In der Zwischenzeit hatten wir etwas geschlafen. Ich hatte geduscht und mir den Schweiß von der Geburt abgespült. Meine Hebamme zeigte mir in Ruhe, wie ich anlegen sollte und doch klappte es zunächst nicht. Erst am Abend gegen zehn gelang es, dass das Männlein das erste Mal kräftig zu saugen begann. Was für eine Erleichterung aber auch irgendwie schmerzhaft.

In den darauf folgenden Tagen waren meine Brustwarzen sehr empfindlich. Dann kam das erste Dauerclustern. Männlein saugte zwölf Stunden durchgängig an mir herum. Die Brustwarzen wurden blutig und jedes Anlegen tat furchtbar weh. Noch heute 15 Monate später erinnere ich mich an meine Schmerzenstränen in dieser Nacht. Ich versuchte mich mit Harry Potter lesen abzulenken und stillte tapfer weiter bis Männlein um fünf Uhr Morgens endlich schlief und ich auch. Niemand hatte mir jemals etwas vom Clustern und Milchbestellen erzählt.

Ich schwor mir, nach sechs Monaten stille ich ab. Doch dann spielte sich die ganze Sache ein. Wir führten mit sechs Monaten Beikost ein und das klappte auch prima. Männlein bekam seine drei Hauptmahlzeiten und in der Zwischenzeit und Nachts stillte ich. Auf unserer Reise nach Chile war es unglaublich praktisch. Wir hatten im Flugzeug und auch auf langen Fahrten einfach den Snack dabei. Und auch als Männlein seinen Leistenhoden operiert bekam, konnte ich ihn noch im Aufwachraum stillenderweise beruhigen.

Das  Männlein ist jetzt 15 Monate alt und ich genieße unsere gemeinsamen Stillzeiten. Dabei entspannen wir beide und haben eine kleine Auszeit von dem, was gerade um uns herum geschieht.

Nun ist es so, dass viele Menschen sich daran stören, dass ich noch stille. Und wenn es nicht stört, dann irritiert es doch. Mir werden die lustigsten Sachen gesagt

  • Das Kind wird sich nie von dir lösen (stimmt nicht… wenn ich nicht bei ihm bin, ist er sehr ausgeglichen und isst halt andere Sachen, wenn er Hunger bekommt)
  • Der will doch nichts anderes mehr essen (siehe oben)
  • Der kriegt doch ein komisches Verhältnis zu Brüsten (Entschuldigung! Aber wofür sind Brüste denn da?)
  • Das ist ja ekelhaft (ich verstehe nicht, warum man irgendwo hinguckt, wenn es einen ekelt und ich bemühe mich auch aus Eigeninteresse stets, meine Brüste bedeckt zu halten)

Solche und ähnliche Aussagen werden nun immer öfter gemacht, wenn ich Männlein stille. Ich erkläre dann immer, dass ich ja auch nicht ewig weiter stillen will. Aber zwei Jahre finde ich eigentlich ganz machbar… zwei Jahre werden übrigens auch von der WHO empfohlen, da das auch die Zeit ist, in der die Muttermilch den gleichen Gehalt für das Kind hat, wie direkt nach der Geburt. Man tut also etwas sehr gesundes für das Kind. Und es kostet? Nichts!

Das natürliche Abstillalter liegt übrigens zwischen zwei und etwa sieben Jahren. So lange möchte ich sicher nicht stillen, aber solange es für mich und Männlein noch stimmt, werde ich nicht damit aufhören… und zum Abschluss werde ich mir als Muttermilchschmuck einen Ring machen lassen, der meinen verlorenen Ehering ersetzen wird.

Mommy Shaming

Es ist der Tag nach Männleins erstem Geburtstag. Meine Elternzeit ist vorbei und ich arbeite wieder. Der Einstieg ist etwas holprig und chaotisch. So kommt es, dass ich Männlein in den ersten Tagen mit zur Arbeit nehmen muss.

An diesem Tag begleiten wir eine Betreute zu ihrem Rehasport. Während sie schwitzt, warten wir in der Sitzecke. Männlein krabbelt vergnügt herum, zieht sich ab und zu an Stühlen hoch und hangelt sich auch an ihnen entlang.

Da kommt eine Frau und setzt sich. Eine Weile beobachtet sie uns kritisch. Dann fragt sie: „Wie alt ist denn der Kleine?“ Ich erzähle ihr, dass er gestern seinen ersten Geburtstag hatte und erwarte darauf irgendeinen netten Kommentar z.B. „Herzlichen Glückwunsch nachträglich!“ Oder so. Statt dessen sagt sie: „Und da läuft der noch nicht? Der macht ja mit der Krabbelei die Hosen dreckig!“ Ich bin verdutzt, bleibe aber freundlich und erzähle ihr, dass Männlein seit zwei Monaten immer mal wieder Gehversuche macht, sich aber beim Krabbeln einfach wohler fühlt. Da erklärt sie mir, ich müsse mit ihm mehr Laufen üben. Ihre Nichte wäre mit einem Jahr schon wunderbar gelaufen. Jetzt nervt sie mich allmählich. Frostig teile ich ihr mit, dass jedes Kind sich anders entwickelt und dass ich mir bisher keine Sorgen mache.

Die Frau schweigt und guckt wieder kritisch. Ich werfe einen Blick auf die Uhr – Mist noch 15 Minuten bis die Therapie um ist. Jetzt sagt die Frau zu Männlein: „Du hast ja Flecken auf deinem Pullover. Sag mal deiner Mama, dass du was sauberes anziehen möchtest!“

An dieser Stelle beschließe ich zwei Sachen:

1. Ich mag diese Frau nicht.

2. Ich werde jetzt einfach nichts sagen.

Natürlich hat ein Kind in dem alter dreckige Hosen vom Krabbeln und ja! Ich gebe Männlein auch was zu essen ohne Lätzchen!!! Und danach wäge ich ab: Ist er sehr voll geschmaddert, dann ziehe ich ihm etwas anderes an. Sind es nur ein paar Flecken? Mein Gott, dann ist doch alles in Ordnung. Muss ich mich dafür bei wildfremden Leuten rechtfertigen?

Ich schaue wieder auf die Uhr – noch fünf Minuten. OK, ich ziehe Männlein schon einmal die Jacke an, damit wir so schnell wie möglich von der Frau weg kommen. Da sagt sie: „Deine Jacke ist ja viel zu groß! Sag das mal deiner Mama!“

Jetzt reichts mir. Was soll denn das? Das frage ich auch die Frau. Sie ist verwirrt und fragt mich, was mein Problem ist. Ich teile ihr mit, dass mein Probelm daher kommt, dasssie mir seit einer halben Stunde mitteilt, was für eine schlechte Mutter ich bin. Sie meint, dass hätte ich alles falsch verstanden und ich soll doch nicht so empfindlich sein. Waaaaas? Ich sage ihr, dann hätte sie vielleicht einfach den Mund halten sollen. Wie hätte ich ihr Gerede denn sonst verstehen sollen? Da kommt meine Betreute. Gott sei Dank wir können gehen! Ich hoffe ich sehe diese Frau nie wieder.